Mordsacker

Dies ist eine Leseprobe aus meinem 2017 erschienen Buch "Mordsacker".
Viel Spaß beim Lesen. 

 
 

Einen Käsekuchenversuch gab ich mir noch. Dafür brauchte ich allerdings neuen Quark. Ich schaute an mir herunter. So konnte ich mich auf keinen Fall der Menschheit präsentieren.

Also zog ich den Schlabberlook aus, wählte ein schlichtes Jil Sander-Outfit in Pastell, trug einen Hauch Maharani Intense von Patrizia Nicolai auf, schminkte das Gesicht im angesagten Nude Look und schlüpfte in himmelblaue Manolo Blahniks zur passenden Handtasche von Prada.

In Modefragen besaß ich ein stilsicheres Händchen.

Den matschigen Spuren eines Treckers ausweichend, stöckelte ich hochkonzentriert dreihundert Meter die Dorfstraße zum Hofladen des Bauern Fries herunter.

„Moin!“, grüßte ein grobschlächtiger Mann in Gummistiefeln mit heruntergezogener Mütze, ohne dass er mich ansah, den Mund öffnete oder sich ein Gesichtsmuskel bei ihm bewegte.

In diesem verdammten Dorf schienen alle Bauchredner zu sein!

Er stapfte an mir vorbei und ich hörte noch, wie er in den ungepflegten Bart brummte: „Se süht man nippnäsig ut, de optakelte Zeeg us de Stadt.

Waaas?

Irritiert drehte ich mich im Weiterlaufen um und schnappte empört nach Luft. Dabei blieb ich mit dem Absatz im Kopfsteinpflaster hängen. Ich stolperte und konnte mich zum Glück im letzten Moment am Zaun neben mir festhalten. „Frech… Autsch! Manno!“ Jetzt habe ich mir das nächste Paar Schuhe ruiniert!

Ich sprang wie ein aufgescheuchtes Huhn auf dem nackten Fuß zur Seite, weil ein Hund kläffend seinen verfilzten Schädel durch die morschen Holzlatten steckte. „Aus!“, zischte ich ihn wütend an.

Die wandelnde Flohkiste knurrte bedrohlich zurück. „Der Klügere gibt nach. Du hast gewonnen!“

Ich klaubte meinen anderen Schuh von der Straße und humpelte drei Schritte weiter, bis ich mich außerhalb der Reichweite des schlecht gelaunten Köters befand. Den Knöchel reibend, betrachtete ich den Lackschaden an meinen ehemals edlen Pumps. Kein Wunder, dass die Damenwelt von Mordsacker ihre Füße völlig stillos in Holzpantinen und Gummistiefeln verpackte.

Aber ohne mich – nie würde ich mich derart gehenlassen. Ich schlüpfte in den ramponierten Schuh und marschierte hoch erhobenen Hauptes weiter.

Ein roter Traktor mit einem dampfenden Tankanhänger, aus dem eine sauer stinkende Flüssigkeit tropfte, raste im Affentempo aus der nächsten Einfahrt und kreuzte meinen Weg. Ich stoppte abrupt und entkam im letzten Moment dem Tod durch Zerquetschen. Mir stockte der Atem.

Zu manchen Zeiten ist diese Dorfstraße gefährlicher als der Ku‘damm zum Feierabendverkehr.

Doch zu früh gefreut: Schlammklumpen flogen wie Kanonenkugeln durch die Luft. Schützend hielt ich mir den Arm vors Gesicht.

Zuuu spät! Ich spürte wie die stinkende Pampe mir von Nase und Wangen herunterlief. „Igitt!“

Hatte der Trecker Fahrer gerade gelacht? „Ey!“, brüllte ich ihm hinterher.

Er fuhr einfach weiter.

Ich schaute an mir herunter. Mein heller Trenchcoat sah aus wie frisch gesprenkelt und roch, als hätte ich ihn mit Gülle weichgespült. „Bläääähhh!“

Genauso mies gelaunt wie der aggressive Köter stolzierte ich weiter unter den kugelförmig geschnittenen Akazien entlang, die den Fußweg säumten und in Anbetracht der Minustemperaturen und des zu erwartenden Schnees zu Ostern ihre Blätter noch eingeklappt hielten.

Wenn mir jetzt einer in die Quere kommt, der kann was erleben!

 

Im Hofladen von Bauer Fries war es überraschend voll. Die einheimische Dorfbevölkerung hatte also wegen der bevorstehenden Feiertage Angst zu verhungern. Mehrere Frauen mit modischen Wollsocken in ausgelatschten Schlappen standen halb verdeckt hinter den gut sortierten Regalen.

Vom Kohlkopf bis zur Grillkohle fand man darin alles, was man für den Alltag des fröhlichen Landlebens so brauchte.

Sie diskutierten lautstark.

Ich schnappte mir einen Korb und urplötzlich wurde es totenstill im Laden. Rotwangige Gesichter guckten um die Ecke und ich spürte, wie mich die Kittelschürzenfraktion von Kopf bis Fuß musterte.

Die Damen rümpften ihre Nasen.

Ich gaffte frech zurück.

Spiegeln hilft nämlich den Gegner zu verunsichern! Das hatte ich mal irgendwo gelesen. Dieser „Gegner“ in Form von fünf alternden Amazonen strotzte allerdings vor Selbstbewusstsein und ließ sich den Heimvorteil keinesfalls streitig machen.

Okay Mädels, an meinem modischen Gespür muss ich unbedingt arbeiten! Hier draußen auf dem Lande lagen eher ausgebeulte Trainingshosen und fusselige Strickjacken zu verblassten T-Shirts im Trend. Kein Wunder, dass sich den Damen beim Anblick meines verdreckten Großstadtlooks die lila und orangblonden Frontigel noch weiter aufstellten.

„Moin!“, grüßte ich in Eingeborenensprache.

(Sprache ist schließlich das A und O von Integration)

Dabei schenkte ich der schaulustigen Menge mein schönstes Roter-Teppich-Lächeln.

„Die Frau Himmel! Ja, guten Tag! Was kann ich für Sie tun?“, fragte mich die dralle Ladenbesitzerin, Bärbel Fries, überfreundlich, während sie aus dem Pulk zu mir hervorschoss und mir den Arm tätschelte.

Orrrrrr! Ich hasste vertrauliche Gesten von Menschen, mit denen ich kaum Kontakt habe. Irritiert räusperte ich mich und sagte kurz angebunden: „Quark, ein Pfund oder besser ein Kilo und einen viertel Liter Sahne.“

Bärbel Fries zog die buschigen, viel zu dunklen Augenbrauen hoch. Ich atmete flach, um nicht von der Wolke billigen Parfüms betäubt zu werden, die sie wie eine Dunstglocke umhüllte. Ihr in grellem pink geschminkter Mund verzog sich etwas spöttisch. „Quark ist heute aus. Den gibt’s erst wieder am Samstag.“

„Das ist dann aber ein kleines bisschen zu spät!“ Obwohl ich leicht panisch wurde, lächelte ich, um mir nichts anmerken zu lassen. Die Tratschtanten durften niemals erfahren, dass ich heute Morgen schon ein Käsekuchenmassaker angerichtet hatte. Als schlechte Hausfrau wurde man in Mordsacker bestimmt sofort mit Fackeln und Mistgabeln aus dem Dorf getrieben!

„Oh, da backen Sie wohl mehrere Quarktorten für den Kuchenbasar morgen?“

Sie hat also gespeichert, dass ich gestern drei Kilo Quark gekauft habe, und reimt sich zusammen, was ich damit anfangen könnte. Ob die Buch darüber führt, was die Nachbarn so verzehren?

„Die Anette hat mir verraten, dass Sie ein Spezialrezept Ihrer Großmutter verwenden, das mit dem Sie damals Ihren Mann geködert haben. Wir sind alle sooooo gespannt, wie der Kuchen schmeckt“, flötete sie mir zwinkernd zu.

Dünn lächelnd fragte ich: „Tatsächlich, hat sie das erzählt?“ Mehr fiel mir dazu nicht ein. Am liebsten hätte ich diese Dumpfbacke, Anette Schwanenfuß, auf der Stelle erwürgt. Dafür gab es dann bestimmt doppelt lebenslänglich für Polizistenmord. Wenigstens würde ich sie zur Rede stellen, auch wenn ich damit eine Anzeige wegen Beamtenbeleidigung riskierte. Das sie meine Notlüge gleich im ganzen Dorf herumposaunt hatte, war eindeutig eine Verletzung der Privatsphäre.

Wie stehe ich denn morgen da, wenn ich diesen verdammten Käsekuchen nicht vorweisen kann?

Da hatte ich mir wieder selbst ein Bein gestellt.

Aber okay: Schiet Happens! Klara Himmel braucht eine Strategie zur Lösung des Problems.

Mir fiel der Cheesecake in meinem Berliner Lieblingscafé ein. Gegen Aufpreis lieferten die bestimmt bis ins Nirgendwo. Ich musste nachher gleich dort anrufen und per Expressversand bestellen.

Resigniert zog ich die Schultern hoch. „Tja, da kann man nix machen?“

Die dicke Bärbel schüttelte den blondgefärbten Schopf.

„Dann steure ich morgen leider nur zwei Torten zum Basar bei“, log ich, ohne rot zu werden.

„Machen Sie sich mal keinen Kopf, ich habe auch nur einen Pistazienstreuselkuchen und eine Wolkentorte gebacken.“

Ich schluckte.

„Darf es sonst noch etwas sein?“

„Nein, eigentlich….“

Meine Aufmerksamkeit war kurz abgelenkt, weil ich mitkriegte, dass die anderen Hübschen im Laden hinter dem Regal über Sophie und Schlönkamps Unfall redeten.

„Ich schau mich noch um. Bei den bezaubernden Sachen, die Sie hier haben… “, sagte ich und steuerte schnurstracks auf den Haufen grell bunter Gummistiefel mit Herzchen Aufdruck zu, die in unterschiedlichen Größen vor dem Regal standen, hinter dem sich die Lästerschwestern ereiferten.

Ich probierte einen Stiefel und lauschte.

„… Da konnte die Frau Doktor auch nichts mehr machen.“

„Ich glaub ja nicht an einen Unfall. Der Siggi ist doch nicht so blöd, das Gas in der Grube zu unterschätzen. Der hat Erfahrung ….“

„… Ich wette, dass da einer nachgeholfen hat.“

„Meinst du?“

„Aber wer ?“

„… Da gibt es einige, die ihn lieber tot als lebendig gesehen hätten.“

„Du denkst an Hannes ….“

„… Hör auf, solche Gerüchte in die Welt zu setzen. Der verklagt dich am Ende noch.“

„Unser neuer Dorfsheriff wird die Wahrheit schon herausfinden ….“

Neben den Gummistiefeln interessierte ich mich brennend für eingelegte weiße Bohnen, nahm eine Dose aus dem Regal und tat so, als ob ich alle Inhaltsstoffe studierte. Wer mich beobachtete, dachte bestimmt, dass ich übermenschliche Fähigkeiten besaß, denn ohne Mikroskop konnte die winzige Ameisenschrift garantiert kein Mensch lesen.

Ich lugte heimlich durch eine Lücke. Eine Kleine mit Brille winkte ab und zischte verächtlich: „Der Sheriff? Du denkst auch neue Besen kehren gut. Wer es mit über fünfzig bloß zum Obermeister geschafft hat und einen Teilzeitposten auf dem Land annimmt, hat entweder keine Lust zu Arbeiten oder keine Ahnung von seinem Job.“

Das gab es ja wohl nicht!

Die Luft anhaltend, kroch ich fast ins Regal hinein, um nichts zu verpassen.

„Anette ist richtig vernarrt in den.“

„Es heißt, er war krank; Herzinfarkt.“

Na wartet ihr blöden Puten, meinen Mann zieht ihr nicht durch den Dreck; von wegen keine Ahnung von seinem Job! Mein armer Paul ist als Dorfpolizist mit seinen Fähigkeiten völlig unterfordert. Wenn ihr wüsstet, mit wem ihr es zu tun habt! Am liebsten würde ich …

Nein, wir mussten unauffällig bleiben. Denn der überaus erfolgreiche Hauptkommissar Martin Bach war tot. Zusammen mit Frau und Tochter bei einem Autounfall bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.

Innerlich kochend, äußerlich bemüht lässig, schob ich die Bohnendose zwischen ihre Artgenossen in die Lücke.

Erhobenen Hauptes stolzierte ich um das Regal herum, drängelte mich an dem Weibernest zur Marmeladenauslage vorbei und sagte in meinem arrogantesten Ton: „Entschuldigung, darf ich mal bitte.“

„Ach, die Frau Himmel…“, säuselten die Damen erschrocken, als hätten sie mich beim Betreten des Ladens übersehen. Einige färbten sich dunkelrot. Alle waren mucksmäuschenstill. Anscheinend piesackte sie nun doch das schlechte Gewissen. Und natürlich die Frage, ob ich ihre Unterhaltung mitangehört hatte …

„Danke!“, hauchte ich überheblich und schmiss irgendeine Marmelade in den Korb. Sie starrten mich entgeistert an.

Ich folgte ihren Blicken und schaute an mir herunter. An den Füßen trug ich immer noch einen Gummistiefel und einen Pumps. „Hübsch, oder?“ Ich drehte das Gummistiefelbein demonstrativ vor ihnen hin und her. „Und so bequem.“ Dabei drückten sie mir vorne die Zehen ab.    

„Wissen Sie, ob das mit Schlönkamp nun ein Unfall oder Mord war?“, fragte mich der Glitzerohrring neugierig.

„Iiiich?“

Die Kleine mit Brille stemmte ihre Hände in die breiten Hüften. „Na! Ihre Tochter hat doch Ihren Mann zum Tatort gerufen.“

„Das ist bei unnatürlichen Todesfällen reine Routine“, antwortete ich, drehte elegant ab, knickte um und haute mit dem Arm beinahe eine Kartoffelkiste herunter. Einige der Erdäpfel kullerten durch den Laden. Eilig sammelte ich sie auf.

„Da hat sich schon so manche Zugezogene auf Ihren Trittchen  bei uns die Knochen gebrochen.“

„Joh,     upen Deerp ist dat eben anders!“ 

 Schnell wollte ich meinen herumliegenden Pumps gegen den Gummistiefel am Fuß tauschen. Die Monstrosität saß leider bombenfest, wie angewachsen. Ohne einen Stuhl, kam ich da nie wieder raus.

Die Damenfront verfolgte mich mit ihren Blicken.

„Sag ich doch!“, merkte eine Blasse an und redete weiter, weil die anderen sie fragend anglotzten: „Bei Polizeiruf 110 und beim Tatort entpuppen sich die Unfälle meist als getarnte Morde.“

„Ach so?“, raunte der Chor.

Die Aufklärung von Schlönkamps Tod beschäftigte sie. Der Mob verlangte, dass Paul ihnen den Täter präsentierte und zum Fraß vorwarf. Ich begriff, dass dieser Fall die große Chance für meinen Mann war, sich im Dorf Respekt zu verschaffen. Und dass sie kein gutes Haar an ihm lassen würden, wenn er sich einen Fehler erlaubte …

„Die sind dann aber von Auftragskillern oder der Mafia verübt worden. Ich glaube nicht, dass die Cosa Nostra Interesse am Tod eines Schweinebauern hat“, plapperte Bärbel Fries – die offensichtlich zu viele Krimiserien im Fernsehen guckte – dazwischen und reichte mir den anderen Gummistiefel, aus dem sie einen zusammengeknüllten Klumpen Papier gepult hatte. Oh! Deshalb drückte der Schuh an meinem linken Fuß. Ich hatte beim Anprobieren vergessen, es herauszunehmen.

Die Blasse konterte: „Vielleicht die Fleischmafia?“

„Steffi! Geht wiedermal die Fantasie mit dir durch?“, warf der Glitzerohrring ein.

Steffi verteidigte ihre Mordtheorie: „Siggis Geschäfte waren jedenfalls nicht immer so koscher, wie ihr denkt. Das mit dem Bio ist alles Schwindel. Die ziehen den Leuten nur das Geld aus der Tasche. Niemand kann mir weismachen, dass der seinen Tieren kein Antibiotikum gegeben hat, wenn die Viecher kränkeln. Hört man doch ständig von solchen Skandalen: Antibiotika im Bioschweinefleisch.“

Ich probierte den zweiten Stiefel an. Der passte perfekt. Trotzdem! Die Dinger sahen einfach potthässlich aus.

Bärbel Fries fasste sich an die Stirn. „Dazu fällt mir glatt die Bestellung Ihres Mannes ein, Frau Himmel. Moment!“

Hatte sich Paul etwa auch lila Gummistiefel bestellt?

Sie verschwand in der Tür hinter dem Verkaufstresen und kam mit einem Paket unterm Arm wieder rein, warf es auf den Tresen und hackte Zahlen in ihre Kasse, während sie vor sich hin murmelte: „Drei Pfund Schwienhaxen … macht 33,67€ plus eine Hagebuttenmarmelade zu 3,21€.“

Sprachlos starrte ich einen Moment auf das Fleisch.. Derweil tratschten die Frauen im Hintergrund weiter, dass es mir in den Ohren rauschte.

„Das konnte sich der Schlönkamp gar nicht leisten, dass sich die Schweine untereinander anstecken.“

„Hast du mal in seinen Stall geguckt? Unter Biohaltung stelle ich mir was anderes vor.“

„Der hat doch einmal so einem Tierschützer, der Fotos geschossen hat, einen Knüppel an den Kopf geworfen?“

„Das ist mindestens zwei, drei Jahre her.“

„Ja, der Siggi ist … äh …  war nicht gerade ein sanfter Kerl.“

„Eher der wilde Eber.“