HimmelfahrtsKommando

Dies ist eine Leseprobe aus meinem am 2. Juli erscheinenden Buch "Himmelfahrtskommando".
Viel Spaß beim Lesen. 

 
 

Prolog


Das Kribbeln begann im Mund. Anfangs war es nicht unangenehm.
Dann wurde es stärker, nahezu übermächtig. Bald fühlten
sich Fingerspitzen und Zehen an, als steckten sie in einem
Ameisenhaufen, dessen emsige Bewohner gerade in höchstem
Aufruhr waren.
Obwohl ihr das Blut in den Adern gefror, strömte ihr
gleichzeitig der Schweiß aus allen Poren. Muskeln, Magen
und Gedärme verkrampften sich so heftig, dass ihre Sinne zu
schwinden drohten. Aber den Gefallen taten sie dem Gehirn
nicht. Die Rezeptoren sendeten das Signal SCHMERZ im
Akkord. Gegenstände, die gerade noch im Blickfeld gewesen
waren, schienen sich im nächsten Moment in Luft aufzulösen.
Das Telefon! Sie musste versuchen, es zu erreichen. Aber
alles um sie versank im Nebel, Arme und Beine zitterten so
heftig, dass sie keine Kontrolle mehr über sie hatte.
Verzweifelt versuchte sie, um Hilfe zu rufen, doch ihre
Stimme hatte bereits den Dienst versagt. Und wer sollte sie
auch hören? Bis jemand sie vermissen würde, war es sicherlich
zu spät.
Schmerz … Unerträglicher Schmerz …
Das Summen in ihrem Kopf schwoll unaufhörlich an und
erzeugte einen immer größeren Druck. Gewiss würde er
gleich explodieren. Gleich war alles vorbei.
Exitus.
Aber der Mensch hängt an seinem Leben. Unser Selbsterhaltungstrieb
kämpft, auch wenn es aussichtslos erscheint.
Hier war es leider aussichtslos.

 

1. Kapitel


"Es bleibt weiterhin heiß. Perfekt! Allen Meckerern sei gesagt,
es ist Sommer, Leute! Das waren eure Wetteraussichten
von Radio Welle Nord. Kommt gut über den Tag! Hier geht
es weiter mit Pohlmann, wenn endlich So…"
Mit spitzen Fingern drehte ich der Quakstimme des übermotivierten
Moderators den Saft ab. Pah! Von wegen perfekt!
Vorstufe zur Hölle würde es bei vierunddreißig Grad im
Schatten plus der Wärme, die der Herd in meiner Küche ausstrahlte,
eher treffen. Dagegen war ein Scheiterhaufen im Mittelalter
der reinste Gefrierschrank! Genervt wischte ich mir
mit dem Handrücken eine rote Locke von der Wange, die auf
meiner schweißnassen Haut quer über dem Gesicht kleben
geblieben war und sich nicht wegpusten ließ. Mein feuchtes
T-Shirt schmiegte sich aufdringlich an Brust, Bauch und Rücken
fest. Ich öffnete die Terrassentür zu unserem Frühstücksplatz
hinter der Küche, der morgens in der Sonne, aber
für den Rest des Tages im Schatten lag.
Der schwülwarme Luftzug, der mich anwehte, brachte
auch keine Abkühlung. Prustend schnappte ich mir den zweiten
Eimer mit Kirschen und schüttete ihn in das Spülbecken
aus. Nummer eins war bereits fertig entsteint. Die Früchte
köchelten mit Wasser, Zucker und einer Prise Chili dampfend
im Topf auf kleiner Flamme vor sich hin, genau wie es im Rezept
stand, das ich mir aus einer Frauenzeitschrift herausgesucht
hatte.
So weit war es schon gekommen, dass ich mir Rezepte
ausschnitt. Mann, Mann, Mann! Schnaubend schüttelte ich
den Kopf und zupfte den Kirschen im Spülbecken die Stiele
ab.
Mein Mann Paul musste heute Morgen in aller Herrgottsfrühe
noch vor dem Ziegenmelken und Hühnerfüttern wieder
dem Erntewahn verfallen sein, bevor er in seine Uniform geschlüpft
war und sich zum Dienst auf der Polizeiwache verabschiedet
hatte. Als ich gegen zehn Uhr aufgestanden war und
mir Kaffee geholt hatte, sah es in meiner Küche wie bei einem
Obst- und Gemüsehändler aus: Neben Salatköpfen, Gurken,
dreckverkrusteten Möhren und mindestens tausend Radieschen
standen zwei Zehn-Liter-Eimer gefüllt mit Süßkirschen
auf dem Tisch. Und jetzt erwartete er wie sein Vorfahre aus
der Steinzeit von seinem Weib, dass ich den Tag nutzte und das
ganze Grünzeug zu wohlschmeckenden Speisen verarbeitete
und irgendwie für den Winter haltbar machte?
Seit wir hier in Mordsacker wohnten, ich zwangsweise zur
Hausfrau und mein Mann zum Hobbybauern mutiert war,
kam ich mir bereits wie ein Müßiggänger vor, wenn ich einmal
nur meinen Gedanken nachhing oder erst nach sieben
Uhr aufstand. (Warum sollte ich auch zu Zeiten aus dem Bett
hüpfen, wo man eigentlich noch eine Nachtwanderung machen
könnte?)
Ich war bestimmt nicht faul, aber es ödete mich an, dass
mein Tag lediglich aus Haus- und Gartenarbeit bestand, für
die ich als ehemals moderne berufstätige Großstadtpflanze
nun mal nicht geschaffen war.
Der Umgang mit Staubsauger, Kochlöffel und Gießkanne
forderte mich einfach nicht heraus und fühlte sich wie Zeitverschwendung
an. Schon der Gedanke an Tätigkeiten, die in
Berlin Dienstleister für mich erledigt hatten, motivierte mich
keineswegs, auch nur einen Zeh unter der Bettdecke hervorzuschieben.
Oh, wie ich mein Großstadtleben vermisste: den stets unterschwelligen
Lärm, den Gestank von Autoabgasen, die
Parkplatzsuche, all die Menschen, die beim Laufen oder in
Cafés sitzend wie willenlose Zombies auf ihr Smartphone
starren und ihre Umwelt ignorierten. Ich seufzte, weil mich
die Sehnsucht nach meinem alten Leben wie eine Abgaswolke
zu ersticken drohte. Der Gedanke an die zufälligen Berührungen
von Fremden in der U-Bahn ließ mich vor wohligem
Ekel erschauern.
Mein Göttergatte sah das leider völlig anders. Er mochte
das Leben in diesem Kaff, mit den Bewohnern, deren Horizont
am Feldrand endete, die ihre Dorffeste mit Saufgelage
als Kulturgut pflegten und außer beim Tratsch im Hofladen
kaum das Maul aufbekamen. Inbrünstig kümmerte er sich
um unsere federn- und felltragenden Mitbewohner und erfüllte
sich durch diese Selbstversorgernummer mit Obst, Gemüse,
Eiern, Milch und Fleisch seinen Kindheitstraum. Für
mich war es der Albtraum! Leider war ich darin gefangen,
denn wir versteckten uns im Rahmen des Zeugenschutzprogrammes
hier in der tiefsten mecklenburgischen Provinz mit
neuer Identität vor dem Mafiaboss Ricardo Perez. Er hatte
ein Kopfgeld auf uns ausgesetzt … na ja, eigentlich speziell
auf mich, weil ich als einzige Zeugin den kaltblütigen Mord
an Katharina Wolff beobachtet hatte.
Selber schuld! Denn ich hatte Paul hinterherspioniert, weil
ich felsenfest davon überzeugt war, er würde mich mit dieser
Frau betrügen. Alle Indizien hatten schließlich dafürgesprochen.
Woher hätte ich wissen sollen, dass diese blonde Schönheit
seine Informantin war, wenn er nicht mit mir über sein
geheimes Projekt redete? Und dann war ich eben irgendwie
zwischen die Fronten geraten. Dank mir war nicht nur die
Undercover-Mission meines Mannes aufgeflogen, sondern
ich hatte auch den von langer Hand vorbereiteten Schlag des
Berliner LKAs gegen den größten Drogenring der Hauptstadt
zunichtegemacht. Wie gerne hätte ich die ganze Sache
unter "Dumm gelaufen!" verbucht. Doch leider hatte ich das
Leben meiner gesamten Familie unwillentlich aufs Spiel gesetzt