Kein Mord ist auch keine Lösung

Dies ist eine Leseprobe aus meinem am 2. Juli erscheinenden Buch "Kein Mord ist auch keine Lösung".
Viel Spaß beim Lesen. 

 
 

Kapitel 1

++++ Dienstag, 9. Mai 2017 ++++

„Als Titel schwebt mir, Champagner im Dünensand‘ vor, auf dem Cover ein zerbrochenes Glas am Strand, das ist das perfekte Symbol für den Konflikt …“, sagte ich und verstummte.

Hörte er mir überhaupt zu? Zumindest las er mein Gutachten und das Exposee.

Ich stand vor seinem Schreibtisch und wartete.

Mein Chef zog die perfekt in Form gezupften Augenbrauen hoch.

Wetten, der ging regelmäßig zur Kosmetikerin? Bestimmt hatte er nicht ein überflüssiges Haar am Leib.

Ich wischte mir einen Schweißtropfen vom unteren Brillenrand. Draußen war es für Anfang Mai und Hamburg im Allgemeinen ungewöhnlich warm. Davon merkte man in unseren klimatisierten Verlagsräumen nichts. Voigts Büro empfand ich als besonders eisig, was wahrscheinlich an seinem Charisma lag. Eisblöcke strahlten Kälte ab. Trotzdem schwitzte ich wie ein Stück Butter in der Sonne.

Obwohl ich ihn höchstens auf Mitte dreißig und damit sieben, acht Jahre älter als mich schätzte, flößte mein neuer Chef selbst den gestandenen Kolleginnen, die seine Mütter sein könnten, mit seiner unnahbaren Art Respekt ein.

Lag es an seinem Äußeren? Sein Haar war exakt frisiert, die Fingernägel fein säuberlich manikürt, der Körper im Fitnessstudio auf Maß getrimmt. Er war bestimmt auch ganz diszipliniert, was seine Ernährung anging. Jedenfalls sah ich ihn nie beim Imbiss gegenüber, wo es dieses leckere fettige Zeugs gab, das wir uns in stressigen Zeiten - also eigentlich immer, denn bei uns im Verlag war es stets hektisch - gönnten. Von nächtlichen Kühlschrankorgien und Keksdosenplündereien, wie ich sie manchmal veranstaltete, mal ganz abgesehen. Sebastian Voigt war einer von diesen Menschen, die sich voll unter Kontrolle hatten. Mit der Kleidung, immer businesslike in sorgsam aufeinander abgestimmten Farben, der teuren Uhr am Handgelenk und der Sonnenbrille in Reichweite, umgab ihn die Aura des erfolgreichen Geschäftsmannes, der hohe Ansprüche an seine Mitarbeiter stellte. Dabei war er durchaus charmant und riss gern den einen oder anderen Witz. Solange man keine Fehler machte und sich seiner Meinung unterordnete, hatte man nichts zu befürchten.

Doch wer Fehler machte, den stellte er gerne vor allen bloß. Und wehe, man widersprach ihm, dann bekam man seine unerbittliche Härte zu spüren. Ein Teufel in Adonisgestalt. Auf solche Typen flogen nicht nur die Romanheldinnen in meinen Buchprojekten, sondern auch deren Leserinnen sowie Silvie, seine Assistentin. Sie himmelte ihren Bastian (wie sie ihn insgeheim immer nannte, als wir noch Freundinnen waren) an, dass es einem schlecht wurde. Und dabei kaute sie in seiner Gegenwart in naiver Unterwürfigkeit ständig an ihrer Unterlippe - wie Anastasia Steele, die sich die Bestrafung durch ihren schwarzen Ritter, Christian Grey, erhoffte.

Bastian hat gesagt…, also Bastian meint…, das muss ich aber erst mit Bastian abstimmen…, darüber müssen wir Bastian sofort informieren… äffte ich sie in Gedanken nach und hätte mir am liebsten den Finger in den Hals gesteckt.

Langsam wurde ich ungeduldig. Wie lange brauchte er denn für die paar Seiten? Jeder Drittklässler hätte den Text schneller gelesen.

Voigt legte Exposé und Gutachten beiseite, ohne eine Miene zu verziehen. Dann öffnete er die einzige Mappe auf dem Schreibtisch, drehte den Kugelschreiber in seiner Hand und schaute demonstrativ auf seine Armbanduhr. Also war kein einziger Funke meiner Begeisterung auf ihn übergesprungen. Dabei strotze das Exposee vor Humor, war knackig im Stil der Autorin geschrieben und zog einen mit seinem Pitch sofort in den Bann.

Er betrachtete mich mit seinen stahlgrauen Augen. Unwillkürlich fröstelte ich. Es fühlte sich an, als würden meine Brillengläser beschlagen, wie wenn ich an einem warmen Tag einen Blick ins kalte Eisfach warf.

„Welchen Konflikt? Diese Geschichte ist oberflächliche, verquirlte Scheiße! Schon tausendmal in Groschenromanen erzählt. Wenn wenigstens noch etwas Sex mit Baumarktutensilien vorkäme …“

Ah, er war also ein Fan von diesem unsäglichen Mr. Grey. Das passte zu ihm.

Seinen Mund umspielte dieses überhebliche Grinsen, das ich besonders an ihm hasste.

Ich setzte zu einer Rechtfertigung an, die mir wie eine Fischgräte im Hals steckenblieb.

Er unterschrieb ein Dokument aus der Mappe. „Sie sollte mal ihre Brille putzen, Alwine. Anscheinend könne Sie Diamanten nicht von Glasperlen unterscheiden.“

Pfff! Wieder brachte ich keinen Ton hervor. An meiner Schlagfertigkeit musste ich unbedingt arbeiten. Dabei hatte ich mir erst gestern für genau den Fall, dass er mich beleidigt, ein paar gute Antworten ausgedacht. Das heißt, ich hatte sie im Internet gefunden: Nie wieder sprachlos! Die zehn besten Argumente, mit denen Sie Ihren Chef um den Finger wickeln. Jetzt fiel mir natürlich kein passender Satz davon ein, aber so schnell gab ich nicht auf. Ich musterte ihn.

Obwohl er seinen Unmut deutlich machte und seine Körpersprache mir verriet, dass ich ihm seine Zeit stahl, startete ich einen letzten Versuch, ihn von meinem Herzensprojekt und meiner Lieblingsautorin, Karoline Katzenbach, zu überzeugen. Morgen war die Buchhandelsvertreterkonferenz und es gab noch einen winzigen freien Platz im nächsten Sommerprogramm. Den musste sie bekommen!

Seit Sebastian Voigt vor sechs Wochen die Programmleitung im Phönix Verlag übernommen hatte, bekamen meine gefühlvollen Romanprojekte einfach keine Chance mehr. Ich konnte ihm vorstellen, was ich wollte, ich erntete Spott und Hohn. Systematisch schmiss er das ganze Programm um und forderte sogar, dass wir ab dem kommenden Jahr nur noch blutrünstige Thriller veröffentlichten.

„Der Phönix Verlag steht seit jeher für Geschichten mit Happy End. Unsere Leser erwarten …“, setzte ich an.

Voigt unterbrach mich „Unsere Leser erwarten vor Allem, dass wir sie nicht langweilen.“

Er schmiss mir das Exposé in hohem Bogen hin. Es landete auf dem Fußboden. Eine Demonstration seiner Macht.

Während ich vor seinem Schreibtisch auf die Knie ging und die losen Blätter aufsammelte, donnerte seine Stimme im Befehlston auf mich herab. „Anstatt Ihre Zeit, mit diesem Schwachsinn zu vergeuden, kümmern Sie sich lieber um unsere Bestsellerautorin! Dolores hat sich beschwert, dass Sie ihr nicht beim Brainstorming für ihr neues Buchkonzept helfen.“

„Sie ist eine Psychopathin! Niemand kann von mir verlangen, dass ich noch einmal zu ihr in die Einöde fahre!“

„Fräulein Werkmeister, Sie wurden mir von unserem Verleger als die fähigste Lektorin empfohlen. Deshalb habe ich Ihnen die Betreuung unserer wichtigsten Autorin übertragen. Also machen Sie verdammt nochmal Ihren Job!“

In mir kochte es. Ich richtete mich zu meiner vollen einschüchternden Größe von Eins Sechsundfünfzig vor seinem Schreibtisch auf, sodass ich fast auf Augenhöhe mit ihm war. „Den mache ich sehr wohl, indem ich Projekte akquiriere, die das Profil unseres Verlags mit seiner Tradition widerspiegeln“, sagte ich, obwohl ich wusste, dass ich damit meinen Job riskierte.

„Das Festhalten an Traditionen hat diesen Verlag in die roten Zahlen getrieben. Ich bin angetreten, um dieses Unternehmen vorm endgültigen Ruin zu retten. Dafür sind radikale Veränderungen notwendig. Eins habe ich nämlich im Gegensatz zu Ihnen begriffen, dass die Inhalte sich an den Bedürfnissen des Marktes orientieren müssen. Schrecken verkauft sich millionenfach besser als Sehnsucht. Sie kennen die Verkaufszahlen des deutschen Buchhandels.“

Ich hielt dagegen. „Karoline Katzenbach hat für ihre Liebesromane tolle Rezensionen bekommen und eine große Fangemeinde.“

„… die allerdings lange nicht groß genug ist, um zu rechtfertigen, dass wir uns noch eine ihrer grässlichen Schmonzetten ans Bein binden.“

„Wenn Sie sich aber mal die Rezensionen von Dolores Fritz angucken, werden Sie sehen, dass da ganz schön viel Kritik dabei ist“, warf ich ein.

Voigt legte den Kugelschreiber in Zeitlupe beiseite. Meine Hartnäckigkeit nervte ihn sichtlich. Bestimmt schmiss er mich gleich raus.

Doch er argumentierte weiter: „Ja, und genau diese Diskussion hat die Menschen neugierig gemacht und veranlasst, das Buch zu kaufen. Vier Millionen verkaufte Exemplare innerhalb von drei Monaten! Dolores Fritz Thriller Debüt hat das geschafft, was bisher für eine deutsche Autorin kaum denkbar war: Sie hat eine ganze Nation zum Lesen gebracht. Gerade weil die ach so anständigen Ottonormalbürger derartige Gewalt nicht für möglich halten, sind sie davon fasziniert. Studien zeigen, dass gerade Frauen es noch eine Spur blutiger mögen. Das Spiel mit der Angst ist ihnen ein tiefes Bedürfnis. Deshalb steht dieses Buch seit Wochen auf Platz 1 der Bestsellerliste.“

„In einem Verlagsprogramm geht es aber auch um Vielfalt“, hielt ich dagegen.

Seine Stimme nahm einen abfälligen Ton an. „Wer braucht noch ein weiteres süßliches ,Das kleine Café am Arsch der Heide`? Der Markt ist überschwemmt mit diesen Friede- Freude- Eierkuchen-Geschichten für Frauen, die an der Seite eines weichgespülten Langweilers insgeheim von einem Kerl mit Sixpack träumen, der sie mal ein bisschen härter rannimmt.“

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Wer braucht noch eine weitere detaillierte Schilderung, wie ein Serientäter seine Opfer quält?“

Mein Argument beeindruckte ihn nicht, aber er war sichtlich verwundert, dass ich immer noch widersprach, registrierte ich erfreut.

Er stand auf und schaute von oben auf mich herab. Hätte ich doch heute Morgen bloß Absatzschuhe anstatt den Sneakern angezogen, dann käme ich mir jetzt nicht ganz so winzig vor.

Plötzlich haute er mit der flachen Hand auf die Tischplatte. Ich zuckte kurz zusammen.

„Hören Sie doch auf! Entweder Sie befolgen meine Anweisung oder …“

„Oder was?“, unterbrach ich ihn, hielt seinem Blick stand und stemmte die Hände in die Hüften. Irgendwie musste ich mich ja größer machen.

Seine Mundwinkel umspielte ein verkniffenes Lächeln, das die Augen nicht erreichte. Ich hatte ihn mehr als verärgert.

Er musterte mich einen Moment abschätzend, drehte sich um und holte einen Karton mit der Aufschrift Schrott aus dem Aktenschrank. „Oder Sie sichten diesen Stapel unverlangt eingesandter Manuskripte. Ich erwarte bis morgen aussagekräftige Gutachten mit einer Übersicht aller unverbrauchten dramatischen Situationen.“

Mir verschlug es die Sprache, was ihn sichtlich erfreute. Er drückte mir den Karton in die Hände, hielt ihn noch fest und sagte eindringlich: „Und ich kann Ihnen versprechen, das werden Sie, solange tun, bis Sie es sich anders überlegt haben, zu Dolores rausfahren und ihren Job machen.“ Erst jetzt ließ er ihn los.

Ich betrachtete den Karton, der noch von mir stammte, als ich Voigts erkrankte Vorgängerin fast vier Monate vertreten hatte. „Den Stapel hat bereits die Praktikantin gesichtet und Gutachten erstellt.“

„Sehen Sie es als Übung für ihr Gespür, einen guten Stoff zu finden.“ Er zwinkerte mir zu.

Ich knallte ihm den Karton auf den Tisch. „Das ist Schikane!“

„Ach?“

Genau in dem Moment, steckte unser Verleger, Hubertus Krohn, seinen grauen Schopf zur Tür herein und wurde Zeuge der Auseinandersetzung.

„Gibt es ein Problem?“, fragte er mehr in meine als in Voigts Richtung. Unsere Blicke trafen sich. Ich schwieg, denn üblicherweise focht ich meine Konflikte selbst aus.

Voigt antwortete: „Ihr bestes Pferd im Stall bockt, weil ich den Mist ablehne, den sie mir wieder anbietet.“ Er winkte ab und grinste breit. „Keine Sorge, ich habe die bissige Stute bald gezähmt.“

Jetzt reichte es mir. „Ich bin weder ein Pferd, noch lasse ich mich mit Strafarbeiten zähmen. In welchem Jahrhundert leben Sie eigentlich?“ Verständnislos schüttelte ich den Kopf. Hubertus trat näher und wollte anscheinend schlichten. Ich wandte mich an ihn: „Seit Herr Voigt die Programmleitung übernommen hat, höre ich nur noch Thriller und Dolores Fritz.“

Unser Verleger presste die Lippen zusammen.

Tief einatmend, bemühte ich mich, sachlich zu bleiben. „Hubertus, ich verstehe, dass wir neue Leserzielgruppen erschließen müssen. Aber doch nicht, indem wir unsere bisherigen Leser verprellen und überhaupt keine Liebesromane mehr ins Programm aufnehmen.“ Ich appellierte an die Vernunft meines Ziehvaters, der mir alles beigebracht hatte, was ich als gute Lektorin wissen musste. Immerhin waren wir uns vor Voigts Zeit immer einig gewesen, was wir veröffentlichen wollten.

„So?“, fragte er erstaunt und rückte sich die Krawatte zurecht. Eine Verlegenheitsgeste, die er immer benutzte, wenn, er seinen Ärger überspielen wollte.

Er war also noch gar nicht in die Pläne seines neuen Programmleiters involviert?

Voigts Augen verengten sich zu Schlitzen. Am liebsten hätte er mich an Ort und Stelle erwürgt. Okay, vielleicht war das jetzt nicht die feine englische Art, aber er hatte mich schließlich zuerst vor unserem Arbeitgeber in die Pfanne gehauen. Irgendwie musste ich mich ja wehren. Also erzählte ich Hubertus von meinem Herzensprojekt. Wenn er Voigts Meinung teilte, würde ich mich geschlagen geben.

Hubertus las das Exposee und schaute uns danach abwechselnd an. Ich spürte, dass es ihm gefiel, er aber Voigt auch nicht vor den Kopf stoßen wollte. „Ich denke, wir stellen das Projekt den Buchhandelsvertretern vor und hören deren Meinung zur Verkäuflichkeit auf dem Buchmarkt bei dem derzeitigen Trend zu gewalttätigen Stoffen an. Sieht der Vertrieb Chancen, nehmen wir es ins Programm auf.“

„Ich würde lieber einen Roman weniger veröffentlichen, statt den Platz auf Krampf mit so einem schwachen Weglasstitel zu besetzen“, protestierte Voigt.

„Lassen Sie uns die Entscheidung morgen gemeinsam mit dem Vertrieb treffen.“

Der Programmleiter schluckte. „Wie Sie wünschen.“

Hubertus verließ das Büro und ich wollte ihm folgen. Doch Voigt hielt mich zurück. „Wir waren noch nicht fertig, Fräulein Werkmeister. Schließen Sie die Tür!“, forderte er mich auf und zischte: „Das war gerade eine ganz linke Nummer von Ihnen.“ Um sich abzureagieren, warf er einen Minibasketball kraftvoll in den Korb, der in drei Meter Entfernung am Bücherregal hing. Er hatte ihn gleich an seinem ersten Arbeitstag anbringen lassen. Der Ball rutschte durchs Netz, klatschte auf dem Fußboden auf und hüpfte in die Zimmerecke.

„Im Gegensatz zu Ihnen habe ich Sie nicht beleidigt“, zischte ich zurück.

„Oh, doch, Sie haben mein Urteilsvermögen in Frage gestellt.“ Er zeigte auf das Exposee in meiner Hand.

„Es wird Ihnen aber nichts bringen, dass Sie den alten Mann mit Ihren Rehaugen bezirzt haben. Mich und die Buchhandelsvertreter können Sie damit nicht überzeugen.“

„Was? Eine Frechheit! Ich bezirze niemanden.“

„Wir sehen uns morgen. Vergessen Sie Ihren Karton nicht.“

Ich platzte vor Wut und sagte: „Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Da gibt es einige Gerüchte wie Sie über Frau Krohn an diesen Posten gekommen sind.“ Dann schnappte ich mir den Karton und machte auf dem Absatz kehrt, durchquerte Voigts Büro im Stechschritt und murmelte: „Arschloch!“

„Haben Sie mich gerade Arschloch genannt?“

Mist! Er hatte es gehört. Ich schlug kurz die Augen nieder, drehte mich um und schaute ihm geradeheraus ins Gesicht. „Ja das habe ich, weil Sie eins sind.“

Ohne den Blick von mir abzuwenden bediente er die Wechselsprechanlage und rief seine Assistentin: „Silvie! Ich brauche Sie wegen einer Abmahnung. Bringen Sie mir bitte die Personalakte von Frau Werkmeister.“ Zu mir sagte er: „Ich hoffe, die Warnung kommt bei Ihnen an. Beim nächsten Vergehen können Sie sich einen anderen Job suchen.“

Scheiße! Der Markt für gut bezahlte Lektoren sah mies aus. Ich war erst vor kurzem in die neue Wohnung gezogen, hatte kaum noch Ersparnisse und niemanden bei dem ich mir Geld leihen konnte, schoss es mir durch den Kopf. Außerdem hing ich an unserem Verlag. So einfach ließ ich mich von diesem Schnösel nicht vertreiben! Aber dass ich mich entschuldigte, konnte er trotzdem vergessen.

Wortlos stürmte ich hinaus. Mitten in der Tür traf ich auf Silvie, die auf ihren High Heels herein stöckelte. Ohne uns eines Blickes zu würdigen, liefen wir aneinander vorbei. Aus unserer früheren Freundschaft war mittlerweile eine erbitterte Feindschaft geworden, seit ich ihr die Meinung gesagt hatte, nämlich, dass ich es zum Kotzen fand, wie sie sich bei diesem Bastian einschleimte.

Bloß weg hier! Ich beschleunigte den Schritt und stieß im Gang gegen den Putzwagen der Reinigungskraft. Der Wassereimer kippte um. In Sekundenschnelle war meine Hose patschnass. Ich fluchte. Das fehlt mir gerade noch!

Özlem Dukan, unsere Raumpflegerin, schaltete den Staubsauger aus. Mit bedauerndem Blick, entschuldigte sie sich, dass sie ihren Wagen mitten im Weg abgestellt hatte. Sie eilte herbei. Fluchend versuchte sie, die schäumende Pfütze aufzuwischen. „Muss beeilen, sonst Ärger mit Chef.“ Sie zeigte auf die Tür, wo ich herausgekommen war. Ich stellte den Karton ab, schnappte mir einen Lappen und half ihr.

„Meine Schuld“, sagte ich. Sie lächelte mich freundlich an und fragte: „Du auch Zoff?“ Ich antwortete mit stummen Nicken und zusammengepressten Lippen.

Unsere Putzfrau, die seit einem Jahr zuverlässig dafür sorgte, dass wir nicht im eigenen Dreck erstickten, legte ihre Hand auf meinen Unterarm und raunte verschwörerisch in fast perfektem Deutsch. „Seinen Namen, seine Herkunft und seinen Chef man sich leider nicht kann aussuchen.“

Kapitel 2

Am Abend, es war längst 21.00 Uhr und die Sonne bereits untergegangen, kam ich nach gefühlten tausend Überstunden endlich zu Hause in Hamburg-Eilbek an. Ich stellte das Fahrrad in den Ständer vor dem Klinkerbau mit der hübschen Fassade aus der Gründerzeit, die von den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg verschont geblieben war.

Ich beeilte mich, denn Herr Giovanni, war heute viel zu lange alleine gewesen. Bevor Voigt in unserem Verlag anfing, hatte ich meinen alten Labrador immer mit ins Büro genommen. Das war für niemanden ein Problem. Herr Giovanni schlief tagsüber unterm Schreibtisch und störte keinen bei der Arbeit. Mittags ging ich mit ihm an der Binnenalster Gassi. Seine Anwesenheit wirkte sich sogar positiv auf den Umgang der Kollegen untereinander aus. Hatte jemand Stress, kam er zu mir und streichelte den Hund. Das war manchmal so hilfreich wie eine Therapiestunde. Außerdem war er einmal der Star auf einem unserer Werbeplakate mit dem Slogan „Wir haben einen Riecher für gute Liebesgeschichten!“ Entscheidend war eben die Nase.

Voigt hatte nicht nur etwas gegen mich, sondern auch gegen meinen Hund. Vielleicht hatte er Angst vor dem einäugigen, fast zahnlosen Greis, der ihn einmal angeknurrt hatte, weil er mich während eines verbalen Angriffs vor ihm beschützen wollte. Herrn Giovannis feine Spürnase, hatte dem treuen Tier von Anfang an verraten, dass dieser Mensch eher mein Feind als mein Freund war.

Nach dem Zwischenfall mit Voigt sammelte Silvie Unterschriften der Kollegen für ein Verbot von Hunden am Arbeitsplatz. Notgedrungen gab ich Herrn Giovanni, den mir mein verstorbener bester Freund Toni vor vier Jahren anvertraut hatte, die Arbeitswoche über zu seinen Eltern. Ich konnte und wollte es nicht verantworten, dass der Hund den ganzen Tag allein in einer Wohnung verbrachte. Doch jetzt waren sie für drei Wochen in ihre alte Heimat Sardinien geflogen, um ihren verstorbenen Sohn auf dem Friedhof zu besuchen.

Schon im unteren Hausflur übermannte mich das schlechte Gewissen, denn ich hörte Herrn Giovanni im Dachgeschoss an der Wohnungstür kratzen. Er bellte. Durst und Hunger konnte er nicht haben, denn ich hatte ihm mehrere Pötte Wasser hingestellt und die zweite Ration Futter bekam er immer erst abends. Wenn ich früh mit ihm Gassi ging, hielt er acht Stunden durch. Aber heute waren es zwölf geworden, eindeutig zu viele. Ich nahm gleich zwei der durchgetretenen Stufen auf einmal, rannte schnaufend durch drei Stockwerke nach oben und beruhigte ihn durch die Tür während ich aufschloss.

Im Flur empfing mich eine große Lache. Herr Giovanni hatte in den Flur gepinkelt. „Oh, Scheiße!“ Nun senkte er den Kopf, weil er sich schämte. Der arme Herr Giovanni. „Es war doch meine Schuld, ist ja gut!“, sagte ich tröstend und kraulte ihm die Schlappohren. Es roch unangenehm. Ich riss alle Fenster auf und machte erst einmal Durchzug. Dann holte ich Küchenrolle, Scheuerlappen sowie einen Eimer voll Wasser aus dem Bad und beseitigte das Dilemma auf dem Dielenboden im winzigen Flur. Mit meinem Putzzeug bewaffnet, sah ich mich in den anderen Räumen nach weiteren Pfützen um. Wie immer, wenn er bei mir war, hatte ich alle Zimmertüren offengelassen, damit er sich zwischen seinen Lieblingsplätzen – Sofa, Bett und Badvorleger – frei bewegen konnte.

Ja, ich weiß, Hunde nimmt man nicht mit ins Bett und verbietet ihnen auch das Sofa. Das sollten all die Hundeprofis machen wie sie wollten. Ich konnte Giovannis Blick jedenfalls nicht widerstehen und ihn zurück in seinen Korb schicken, wenn er es sich neben mir gemütlich machte. Außerdem gab es keinen besseren Fußwärmer. Und meine Füße waren ständig kalt.

„Du Armer. Alles nur wegen diesem Arsch Sebastian Voigt! Früher musste ich nicht so viele Überstunden machen … Ach, am liebsten würde ich diesem arroganten Idioten den Hals umdrehen. Komm, wir gehen eine Runde am Kanal spazieren!“ Freudig hechelnd lief Herr Giovanni zur Tür. „Spazieren“ war eins seiner Lieblingsworte. Wie er mich so mit offener Schnauze ansah, wirkte es so, als würde er lächeln. Gerührt kniete ich mich hin, schlang meine Arme um ihn und steckte meine Nase in sein Fell. „Was würde ich nur ohne dich machen?“ murmelte ich. „Morgen bin ich auch pünktlich zu Hause, versprochen.“

Gegen 23.00 Uhr las ich die Präsentation zu „Champagner im Dünensand“ das letzte Mal durch. Ich hatte zur Visualisierung noch herrlich romantische Bilder von Liebenden eingefügt, die die Fantasie der Damen in der Runde zum Träumen anregen sollte. Sie waren in der Überzahl und wenn ich sie auf meiner Seite hatte, kam Voigt nicht dagegen an.

Gähnend klappte ich den Laptop zu und stellte ihn auf dem schwarz-weiß gestreiften Teppich neben dem Bett ab. Voigt würde das blöde Grinsen schon vergehen. Ich wusste, dass ich die Buchhandelsvertreter überzeugen konnte. Das hatte ich bisher immer getan. Ich legte die Brille ab, löschte das Licht und kuschelte mich unter die Bettdecke. Herrn Giovannis sanftes Schnarchen hallte vom Fußende durchs Schlafzimmer. Ich schob die kalten Zehen an seinen Rücken. Meine Gedanken kreisten um Voigt. „Wenn er mich morgen vor allen beleidigt, bringe ich ihn um!“, sagte ich zu meinem Hund. Der verstummte und drehte sich weg.

Ich schloss die Augen und wälzte mich rastlos von einer Seite auf die andere. Mein verschlissenes Snoopy–Shirt war regelrecht nassgeschwitzt. Ich schob die Decke weg, dann deckte ich mich wieder zu.

Herr Giovanni fühlte sich gestört, seufzte genervt und trollte sich ins Wohnzimmer.

Kapitel 3

++++ Mittwoch, 10. Mai 2017 ++++

Der Konferenzraum war hell und schlicht eingerichtet. An der einen Längsseite erstreckte sich die nackte Fensterfront, die den Blick nach draußen auf die Häuserfassaden der gegenüberliegenden Straßenseite freigab. Die anderen drei Wände waren weiß gestrichen. An einer umlaufenden Leiste hingen die gerahmten Drucke von Covern, die der Verlag seit Bestehen produziert hatte und die wegen des Designs preisgekrönt worden waren. In der Mitte stand ein riesiger Holztisch um den die Buchhandelsvertreter, der Verleger und seine Frau sowie der Programmleiter, die Lektoren, das Marketing und der Vertrieb auf weißen Freischwingersesseln saßen.

Heute waren die Sonnenschutzrollos heruntergezogen. Der Beamer projizierte Bilder auf eine Leinwand, die schräg neben der Tür an einem fahrbaren Metallgestell hing.

Einige kicherten, andere grinsten hinter vorgehaltener Hand und musterten mich abschätzend. Ich wäre am liebsten im Boden versunken. Anstatt der Fotos, die ich in die Präsentation eingefügt hatte, blickten die Teilnehmer der Buchhandelsvertreterkonferenz auf pornografische Bilder wie man sie aus Schmuddelzeitungen kennt, die ganz oben im Supermarktregal stehen. Mir stockte der Atem. Ich war entsetzt.

Margarethe Krohn verließ beschämt den Raum und knallte die Tür hinter sich zu. Hubertus sprang auf und wetterte: „Geschmacklos! Stellen Sie das aus. Sofort!“ Doch es ging nicht. Die Präsentation lief unerbittlich weiter. Fahrig zog ich den Stick aus dem Laptop und entschuldigte mich: „Ein Scherz, also keiner von mir, da hat jemand ...“

Ich sah in Voigts Gesicht. Er wirkte verdächtig amüsiert. Er grinste triumphierend wie ein Rennfahrer, der eine Champagnerflasche köpfte ¬– und zwar die Fünfliterflasche –, weil er den Großen Preis von Monaco in der Formel Eins gewonnen hatte.

Natürlich steckte er dahinter.

Dieses miese niederträchtige Schwein! Grrr!

Wie hatte er es bloß geschafft, meine Daten zu manipulieren?